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24.

Karl Bobek
*1936 in Berlin
lebt in Maroth/Westerwald



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Karl Bobek | Dreibeiner | 1989/90

176 / 80 / 67 cm | Eisenguß

"Aber es ist verboten, aufzugeben oder auch nur einen Augenblick innezuhalten"¹

In einer kleinen Tannenschonung am nördlichen Ende des ›Tal's‹ begegnet man dem "Dreibeiner" von Karl Bobek.² Er steht auf einer rechteckigen, eigentümlich künstlichen Lichtung, die in das dichtstehende Nadelgehölz hineingeschnitten ist und einen schützenden Innenraum bietet. Die Plastik ist an der Peripherie dieses Ortes positioniert; sie markiert weder einen ausgezeichneten Punkt, noch läßt sie sich auf eine defi nierte Achse des Platzes beziehen. Ihre Position scheint somit nicht vorbestimmt oder endgültig festgelegt. Man trifft auf die Figur wie auf einen zufällig Vorbeigehenden.
Doch wohin richtet sich der Schritt dieses Gehenden? Er ist auf kein ersichtliches Ziel hin orientiert, führt weder hinein noch hinaus aus der umgebenden Situation: Gehen geschieht hier beziehungslos zur Umgebung.
Aus verändertem Blickwinkel zeigt sich noch deutlicher, daß der Schritt der Figur nicht Gehen als ein Verhalten zum Ort bedeutet. Das Schreiten wandelt sich zum Taumeln, zum Ringen um die Balance. Was zuvor noch wie ein Wanderstab erschien, offenbart sich nun als elementare Stütze, die das gefährdete Gleichgewicht erhält. Wie ein drittes Bein geht der Stab aus dem Körper hervor. Einer gegenständlichen Sicht ist diese Haltung nicht mehr plausibel, und die Figur, die beim Eintritt in die Lichtung noch wie das genrehafte Bild eines Wanderers im Blickfeld aufschien, verliert zunehmend ihre abbildliche Evidenz: der merkwürdige Klumpfuß zerquillt zu einem Brocken Eisen, die Beine erweisen sich als entstellte, verkrüppelte Glieder, die nicht mehr der Logik eines Körperbaus folgen. Und gerade die gegenständlichen Details, wie das Gesicht und die Arme mit ihrem aufgekrempelten Hemd verstärken den Eindruck, daß sich hier ehedem funktionierende Körperlichkeit und Figürlichkeit zunehmend abbaut.

Solcher Eindruck von Zerfall wird noch gesteigert durch die krude zerfurchte und verwitterte Oberfl äche des vom Rostfraß durchsetzten Eisens. Der offene, prozessuale Charakter der Form trägt weniger den Eindruck einer expressiven, künstlerischen Herstellungsgebärde, als vielmehr die Anzeichen einer durch Verlust und Zersetzung in ihrer Existenz bedrohten Form. So ist nicht allein das Gleichgewicht und die Balance der Figur gefährdet, sondern mehr noch ihre Substanz überhaupt.
Doch dem Eindruck einer aufgezehrten, "beschädigten Existenz"³, die taumelnd zu bestehen versucht, steht die kraftvolle Massivität des Oberkörpers entgegen. In den festen Schultern, den aufgekrempelten Ärmeln und der geballten Faust kommt eine seltsame Standhaftigkeit zum Ausdruck, die dem Schritt nach vorne wiederum Nachdruck verleiht. Auch wenn die dürren Beine in einem Mißverhältnis zur Schwere des Oberkörpers stehen, so bleibt die Schrittstellung trotz aller grundsätzlichen Gefährdung vehement, manifestiert sich in ihr der Wille zu gehen. Gerade aber der drohende Substanzverlust scheint der Antrieb dieses ungebrochen willentlichen Drangs nach vorne zu sein: Gehen bedeutet so nicht Fortkommen, sondern Widerstand gegenüber unerbittlich fortschreitendem Zerfall.

Karen van den Berg

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