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5.

Lutz Fritsch
*1950 in Köln
lebt in Köln



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Lutz Fritsch | Einstieg | 1986

Vertikale BLAU | 1100 cm / Ø 6 cm | Eisen lackiert
Horizontale ROT | 483 cm / Ø 7,5 cm | Eisen lackiert
Treppe | 158 / 379 / 73 cm | Eisen lackiert, Ziegelsteine

Die erste Arbeit im Skulpturental von Hasselbach-Werkhausenist Lutz Fritschs "Einstieg". Nicht nur die Plastik, bereits die natürliche Situation des Waldstücks hat den Charakter des Raumöffnenden: In der Flanke hochaufragender Bäume bleibt eine etwa sechs Meter breite Schneise offen, die sich auf der dahinter ansteigenden Anhöhe fortsetzt und den Blick auf die schmale Höhenlinie freigibt – die Offenheit der Schneise ruft eine visuelle Sogwirkung hervor.

Die Arbeit von Lutz Fritsch ist im Dialog mit den nur hier vorzufindenden Gegebenheiten der natürlichen Umgebung entstanden und als solche "ortsspezifi sch" – an einem anderen Ort in einer anderen räumlichen Situation würde sie ihre Relevanz verlieren. Im Unterschied zu anderenortsspezifischen Werken der neueren konkreten Kunst – man denke an Richard Serra und François Morellet – ruft der "Einstieg" keine Irritation in der Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Gegebenheiten hervor, er stellt die Umgebung nicht in Frage, sondern er konzentriert sie in ihrer räumlichen Konstellation. Die Arbeit steht zu ihrer Umgebung in einem Verhältnis der Analogie und ist gleichzeitig ein Verweis auf den Ort des Eingangs. Die Richtungen, Flächen und Farben der Naturerscheinungen sind abstrahiert zu einer plastischen Ordnung, welche die Umgebung gliedert und ihre potentielle Bewegung linearisiert. Es charakterisiert die plastischen Arbeiten Fritschs, daß sie den Raum über ihre faktische Gestaltung hinaus erschließen – ein Wesensmerkmal, das den Werken von Norbert Kricke nahe verwandt ist.
Aus der strengen Reduktion der plastischen Mittel des "Einstiegs" im Skulpturental folgt eine besondere Bedeutung der Position der Elemente in der Umgebung, ihrer Größenrelation zu deren natürlichen Gegebenheiten und schließlich der spezifi schen Farbe. Was die Beschreibung getrennt voneinander aufzählen muß, ist in der Werkerfahrung unmittelbar ineinander verschränkt.

Weil sich die Räumlichkeit des "Einstiegs" nicht durch eine einzige Dimension erschließen läßt und vielmehr für unterschiedliche Richtungen offen ist, entzieht er sich einer eindeutigen, Vorrang beanspruchenden Sichtweise. Es können zumindest zwei Weisen räumlicher Interaktion zwischen Plastik und Umgebung erfahren werden – eine im weiteren Sinne simultan-bildhafte und eine sukzessiv-bewegungsmotivierende.

Die elf Meter hohe blaue Senkrechte zeigt sich als unmittelbares Pendant zu den Bäumen. Ihre Farbe nimmt das Blau des Himmels auf. Darüber hinaus signalisiert die blaue Senkrechte eine besondere Aufmerksamkeit für den bestimmten Ort – für den Einstieg in den Rundweg durch das Skulpturental. Eine rote Waagerechte liegt auf der Anhöhe der Schneise, deren Breitenausdehnung sie nachzeichnet. Als Farblinie korrespondiert sie weniger mit ihrem Umraum und bildet eine stärkere Autonomie gegenüber ihrer Umgebung aus, während sie diese als Linie direkt aufnimmt.
In der simultanen Betrachtung können die blaue Senkrechte und rote Waagerechte als immaterielle Raumlinien erscheinen, die den Blick bewegen: Die Senkrechte nimmt dabei die Geschlossenheit und auch die Aufwärtstendenz der Baumreihe auf, während die Waagerechte diesen Blick insofern rhythmisiert, als sie ihn zunächst auf sich selbst lenkt und sodann über die Schneise auf die Höhenlinie entwirft. Mit der Veränderung des Betrachterstandortes ändert sich auch die Werkerfahrung. Bewegt man sich auf die Treppe zu (die Teil der Arbeit ist), so scheint die rote Waagerechte den Schneisenraum nun zu verschließen; sie zeigt jetzt die Richtungen des parallel zu ihr verlaufenden Waldwegs an.

Mit dem "Einstieg" geht es Fritsch nicht darum, eine individuelle Ausdrucksform in den Raum zu tragen, sondern darum, dem Ort selbst innewohnende Qualitäten als farbige Energielinien zu visualisieren.

Georg Imdahl

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