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4.

Paul Isenrath
*1936 in Mönchengladbach
lebt in Düsseldorf und Münster



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handlauf


Paul Isenrath | Wasser | 1994

Handlauf 3 / 8–9 / 779 cm | Eisen verzinkt, Regenwasser (Position 4)
45 / 15–150 / 600 cm | Eisen verzinkt, Hangwasser (Position 24)

HALT!
Man kann Riesiges in die Natur stellen, um sich als Künstler zu behaupten. Mitleid mit dem, der dies nötig hat. Man kann artifiziöse Strukturen konstruieren, um sie der Natur überzustülpen, solche, die die Natur gleichsam domestizieren. Wie wenig Einblick in die Komplexität der Natur und in die in ihr waltende Ordnung ist dem zu attestieren, der sich dies zum Ziel gesetzt hat. Und, man kann das Naturschöne in seiner einzigartigen Weise so genießen, schätzen und akzeptieren, daß Kunst dort konsequenterweise keinen Platz hat.
Wie verhält sich angesichts dieser vertrackten Ausgangssituation nun ein Künstler, soll und will er ein Werk von sich in die Natur geben, was eben auch bedeutet, daß er in die Natur eingreift? Vilém Flusser sieht das Nehmen eines Stockes aus der Natur schon als den der ersten Akt des Menschen, sich die Natur untertan zu machen. Dem finalen Punkt, den, in dem die Natur in Funktion des Menschen funktioniert, nähern wir uns so gesehen seit Menschengedenken. Ob dieser je erreicht werden wird, ob dies überhaupt zu wünschen ist – wer weiß? Wandert man nun durch das ›Tal‹ bei Hasselbach/Werkhausen im Westerwald, in das Erwin Wortelkamp Künstler gebeten hat, Werke von sich zu platzieren, zu installieren, zu integrieren ?, so begegnet man weniger denn beiläufig – also nicht monumental den Blick richtend, aber auch nicht gerade zufällig – zweimal Werken von Paul Isenrath.
Man hat sich gerade daran gewöhnt, den Blick nicht nur, auf Naturschönheit konditioniert, über Weiden und Auen schweifen zu lassen, sondern auch darauf eingestellt, Knicke in Zaun und Schneisen, vertikale Marken und Gerätschaften als Kunst in der Natur zu akzeptieren, da nimmt man, vielleicht durstig des Sommers, einen Wasserspiegel wahr. Eine Pfütze wahr – aber eine in Dreiecksform, gleichschenklig scheinend und auch noch tetraederhaft dreidimensional und stahlgewandet? Wasser fließt über den spitzen Winkel des Dreiecks, Wasser eines Rinnsals von der Weide. Die Basisfront des Dreiecks dient gleich einem kleinen Staudamm dem Halten des Wassers. In einer Ackerfurche befi ndet sich das Ganze. Die drei Seiten des Dreiecks liegen – wie könnte es anders sein? – in einer waagerechten Ebene. Es sind die Sichtkanten der in die Erde eingelassenen Stahlbleche. Wir stehen vor einem horizontalen Moment in der Hügellandschaft des Westerwaldes.
Paul Isenrath hat eine Staupfütze in die Natur gegeben. Lediglich das Auge vermag über sie zu stolpern. Denn die Form – nur sie, nichts anderes – ist der Natur hier fremd. Das Phänomen, Wasser zu stauen und so einen Spiegel in der Natur zu bilden, in den sich der Himmel und die Wolken eben einspiegeln, ist der Natur entnommen. So tritt Blau ins Grün der Weiden, so Wolkenzüge an die Grasnarbe – hier in der geometrischen Dreiecksform. Der Künstler, der Mensch, Paul Isenrath, bescheidet sich damit, visuell, qua Form, ein Werk dem Formrepertoire der Natur einzufügen. Wenig – in der Tat. Kaum augenfällig – für wahr. Aber signifikant – was mehr ist zu erreichen?

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Nicht anders verhält es sich mit seiner zweiten Arbeit im ›Tal‹. Nahe des Hauses von Erwin und Ulla Wortelkamp führt eine Brücke über einen Bach. Sie liegt in einer Kurve. Ein Geländer grenzt sie nach den Seiten ab. Zumeist sind es Autofahrer, die die Brücke queren. Für sie ist es praktisch unmöglich, die Arbeit Paul Isenraths zu sehen, geschweige denn wahrzunehmen. Denn die Arbeit ist ein aufgesetzter Handlauf an dem Geländer. Leicht nur hebt er sich ab von der vorfabrizierten Höhe, bildet lediglich einen kleinen Spalt fürs Licht, schwebt gleichsam über dem Geländer. Ein bloßes Stahlband – wäre da nicht am Ende ein kleines Becken in den Stahl getrieben, in dem sich Regen- und Tauwasser sammelt; ein bloßes Stahlband mit kleinem Wasserbeckchen – mündete ins Wasser nicht ein Worteband, mündeten nicht die folgenden Worte in den Spiegel, die Isenrath zu einem Satz gebaut ins Stahlband geformt hat: Gewicht ? Balance ? Lage ? zerfließen zum Sammeln ? nachgebend ? scheinbar ohne Form ? formen seine Spiegel die Kräfte

Beide Arbeiten von Paul Isenrath spielen mit der Flüchtigkeit, die dem Menschen eignet, wenn er spazieren, wenn er zur Entspannung in die Natur hinaus geht. Dieser Flüchtigkeit kann man etwas entgegensetzen, indem man die Aufmerksamkeit erfordert, sie erzwingt. Man kann die Aufmerksamkeit aber auch hinter der Flüchtigkeit als ein nur Verborgenes voraussetzen und "nur" darauf hoffen, sie zu erregen. Letzteres tut Paul Isenrath. Ja, er erhebt dies sogar zum Kunstprinzip. Er holt den Betrachter, den Spaziergänger und Wanderer da ab, wo dieser mit offenem Auge verloren plötzlich sieht, wo dieser aus seiner Flüchtigkeit gerissen angehalten wird aufzumerken, wahrzunehmen, zu sinnieren ?

Raimund Stecker

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