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26.

Kazuo Katase
*1947 in Shizuoka (Jap)
lebt in Kassel



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Kazuo Katase | Bildstock (dem Namenlosen Gott) | 1987

1875–200 / 50–100 / 4000 cm
Ziegelmauerwerk, Betonguß

Geht man den Weg das ›Tal‹ entlang, von Süden nach Norden, öffnet sich hinter einem kleinen Wald die Weite der Felder. Zur Linken in der Senke fl ießt der Bach, zur Rechten steigt eine Böschung. Schon aus der Ferne bemerkt der Wanderer hinter einer der zahlreichen Hügelkuppen den Vorsprung einer steinernen Plastik. Mit ihrer oberen Kante nimmt sie die Linien der Landschaft auf und legt sich zugleich dem Verlauf des Tales entgegen. Näherkommend erkennt man ihren gemauerten Sockel aus Ziegelwerk, auf dem ein langgestreckter Körper aus Beton ruht.
Die eindrucksvolle Masse der Plastik und die Rätselhaftigkeit ihres Äußeren lösen sich von der Schmalseite her auf. Von dort aus erinnert der Umriß des Betonkörpers an die vereinfachte Front eines Hauses. In ihrer Mitte deutet eine kleine giebelförmige Nische Einblick und Ort dessen an, was in dieser Behausung bewahrt wird. Blickt man hinein, zeigt sich nichts. Die leere Öffnung setzt sich in einem ansteigenden Schacht durch den Beton fort. Ein Blick, und das Auge hat den engen Gang durchmessen. An seinem Ende zeigt sich, gerahmt von der schmalen Silhouette der giebelförmigen Öffnung, ein Bild vom Himmel, ein Bild von ziehenden Wolken und Vögeln, die aus den Feldern steigen.
Kommt der Vorübergehende von der anderen, der höhergelegenen Seite an die Plastik heran, wird sein Blick nach unten auf die Erde gerichtet. Eingebettet in Grün spielt das Licht auf der Oberfl äche des Wassers. Anstelle der offenen Weite des Himmels füllt die Nähe der vielgestaltigen Natur das Blickfeld. Aber wieder faßt das Auge nichts Bestimmtes. Das gesehene Bild erscheint gerade in seiner Ausschnitthaftigkeit über seine Begrenzung fortsetzbar.

Kazuo Katase nennt seine Arbeit: "Bildstock (dem namenlosen Gott)". Bildstöcke, wie man ihnen als aufrechte Wegmarken in der Landschaft begegnet, befi nden sich meist an ausgezeichneten Orten. Mit Darstellungen der Heilsgeschichte oder des Gekreuzigten bieten sie Anlaß zu Gebet und demütigem Eingedenken. Hier aber fügt sich eine nach außen verschlossene, im Inneren leere Plastik fl ach in die Weite des Tals ein. Ihre Form erinnert ebenso an fernöstliche Schreinarchitekturen wie an Vertrautes, an einen Sarg oder ein Krematorium, Zeichen für Sterben und Aufl ösung. Doch die plastische Gestalt verändert sich in ihrem Verlauf. Dem Tal zugewandt, lagert sie in der Breite und steigt dem Berg zu, sich nach oben verjüngend, an. Sie vollzieht eine transzendierende Gebärde, die Erde und Himmel verbindet.

Innehaltend wird der Wanderer in diesen Vorgang einbezogen. Auf der Erde stehend, hebt sich sein Blick zum Himmel, von oben fällt er auf die Erde zurück. So erweist sich die aus Stein gemauerte und in Beton gegossene Plastik als Medium, das Auge zu lenken. Der schmale Schacht richtet und konzentriert den Blick. Die vertraute Umgebung erscheint durch den hohlen Gang entfernt und zugleich in ihrem eigentlichen Wesen offenbar. Denn sehend, durch die Leere, läßt der Betrachter seinen Körper hinter sich, verbindet sich mit dem Erschauten, löst sich auf, wird selber Teil desselben.
Die Plastik ereignet sich im Bewußtsein, in der Erfahrung der Allgegenwart und Geistigkeit der Schöpfung. An die Stelle eines göttlichen Standbilds tritt die transzendierende Kraft des Auges.

Marietta Johanna Schürholz

– Sich sehend im Gesehenen verlieren –
erscheint nicht von dort,
von der Weite des Blaus,
Beschränkung in Körper und Plastik?
Erscheint nicht von hier
die Leere,
als wahre, lang entbehrte Behausung?

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