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44.

Jan Leven
*1960 in Frankfurt/Main
lebt in Bereborn/Eifel



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leven


Jan Leven | Ohne Titel | 2001

Kupfer
45 / 93 / 0,5 cm

Was war wohl zuerst da, das Vogelnest oder Jan Levens namenlose Plastik ? Auf einer kleinen Anhöhe, unter dem Dach von Claus Burys "Haus des Hasselbacher Reiters" haben Natur und Kunst in unmittelba rer Nachbarschaft Quartier bezogen. Manchmal muß man sich – erst recht hier ›im Tal‹ – auf die Suche begeben, um die Kunst als solche oder an ihren versteckten Plätzen ausfi ndig zu machen. Der aufge scheuchten Amsel, die ich bei meinem Nähern aus ihrem Unterschlupf vertreibe, wird´s freilich egal sein, ob sie sich in oder neben einer künst lerischen Arbeit eingenistet hat.
Hier oben, wo man den Blick gerne über die hügelige Landschaft schweifen läßt, bietet sich Burys Holzverschlag, jene eigenartig hybride Konstruktion aus Scheune, Tribüne und Trojanischem Pferd, zunächst als ideale Aussichtsplattform an. Wem kommt es dabei schon in den Sinn, gleich unterhalb seiner Sitzfl äche eine weitere künstlerische Inter vention zu vermuten?

Jan Levens Arbeit ist die einzige im Tal, die in einer anderen plaziert ist und sich gleichzeitig in deren Schutz verborgen hält. Sie zählt damit zu den zu rückgezogensten und stillsten im gesamten Gelände. Selbst wenn man um ihre Existenz weiß, begegnet man ihr erst auf den zweiten Blick im Halbdunkel in einer Nische unterhalb der treppenförmigen Holzkon struktion, so daß ihr der Charakter des "Sich-Nicht-Zeigen-Müssens" ge radezu wesenseigen ist. Als ein kopfüber hängender Schneckenkegel, dessen patinierte rötliche Kupferhülle eine nahezu perfekte Mimikry mit ihrer Umgebung erzeugt, könnte man Levens organisches Objekt zunächst für eine Laune der Natur halten. Ein ambivalenter Eindruck von Behaustheit und Abgestorbensein, Verschlossenheit und "Sich-Öffnen-Könnens" geht von ihm aus. Feuchtigkeit hat mit der Zeit die Zwischen räume des spiralförmig gewundenen Metalls in eine helle Kalkfuge ver wandelt, die sich mit den durchscheinenden Licht schlitzen des Bretter verschlags optisch in Beziehung setzt. Für die Form des Schneckenkegels existieren grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten seiner Verortung: das Hinstellen auf den Boden oder Aufhängen an Wand oder Decke. Leven hat sich für Letzteres entschieden, mit der Folge, daß das Objekt mit seiner "Behausung" aufs Engste verbunden ist. Um Levens Schneckenkegel als Ganzen zu betrachten, muß man sich wie ein Natur- oder Höhlenforscher in gebückte Position begeben und über Stützbalken hinweg unter die "Seitenschiffe" von Burys Gehäuse klettern. Möglich, daß die (in der Geschichte der Skulptur ungewöhnliche) "Deckengebundenheit" des Objekts seine Anbringung in einer unteren Nische des treppenförmigen Baus erfordert, um den Charakter eines Ausstattungsgegenstands zu vermeiden. Vielmehr wird hier, wo Skulptur und Betrachter ihren Raum für sich haben, auch ein intimerer Dialog möglich.
Levens Skulptur gibt ihr Innenleben nicht preis, ihr Einblick bleibt dem Gegenüber verwehrt. Auch in dieser Hinsicht scheint sie sich abermals zu schützen. Stattdessen lässt sich beispielsweise beobachten, wie sich an ihrer Außenhaut kondensierendes Wasser entlang der Spiralwindun gen zum tiefsten Punkt abgeleitet und in stetig zu Boden fallenden Tropfen einen eigenen Zeittakt ausbildet: unbeabsichtigte, aber keine zufällige Interaktion mit der Natur.

"Jede Form bewahrt Ihr Leben", schreibt Gaston Bachelard, der in seiner Poetik des Raumes eine Art "Ästhetik des Versteckten" entwirft. "Wenn das Leben nach Wohnung, Schutz, Deckung, Versteck sucht", entfaltet die Vorstellungskraft angesichts auch noch so peripherer Symobolräume ihre "innere Unermesslichkeit". Jan Levens Arbeit, gleichsam ein Gehäuse im Gehäuse, schöpft ihre leise poetische Kraft aus dem Zusammenwirken tektonischer Elemente mit den natürlichen Prozessen und Einfl üssen ihrer Umgebung. Sie gibt zugleich ein treffendes Beispiel dafür ab, wie sich Kunst, auch wenn sie öffentlich ist, selbst ihre eigenen Schutzräume ausbilden kann. Natur erhalt durch Kunst und Kunsterhalt durch Natur verschränken und be dingen sich wechselseitig.

Justus Jonas

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