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9.

James Reineking
*1937 in North Dakota (USA)
lebt in München



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James Reineking | TAL-Tilt | 1989 (Konzept 1980)

1000 / 7000 / 50 mm
Stahl, Erde, Gras

Die Konzeption zu dieser Arbeit liegt mittlerweile über ein Jahrzehnt zurück; zur Ausführung kam das kreisrunde Bodenstück jedoch erst 1989, als James Reineking hier im ›Tal‹ einen Standort vorfand, der der Idee "TAL-Tilt" in fast idealer Weise entspricht: Das leichte Gefälle der Wiese, das Panorama des am Horizont ansteigenden Hangs und die harmonische Stimmung der umgebenden Landschaft greift die Skulptur wie einen Dreiklang auf, dem sie mit ihrer eigenen plastischen Präsenz einen klaren Grundton unterlegt.

Die Kreisform, der sich Reineking bedient, um der Topographie des Tales seine Idee gleichsam "einzuschreiben", gilt als vollkommenste der geometrischen Grundfi guren. Äußerste formale Reduktion verbindet sich im Kreis mit einer fast redundanten Klarheit auf der Symbolebene. Ohne Anfang und Ende, unaufhörlich in sich selbst übergehend, veranschaulicht der Kreis den abstrakten Begriff räumlicher und zeitlicher Unendlichkeit. Der ständige Kreislauf der Tages- und Jahreszeiten, das Werden und Vergehen, wie es sich in der unberührten Natur des Geländes kontinuierlich vollzieht, wird von der Kreisform gleichnishaft refl ektiert. Doch assoziiert der Kreis, indem er das umschlossene Segment vom Außenraum abtrennt und isoliert, zugleich auch Vorstellungen von Begrenzung, Einfriedung, Umzingelung.

Reinekings Stahlring umfängt mit einem Durchmesser von sieben Metern ein ausgedehntes Rund des Wiesenbodens und schneidet es aus dem Rasen heraus. Dabei offenbart sich erst beim Umschreiten der Skulptur – zunächst nur teilweise – die eigentliche Gestalt der Stahlelemente, die der Künstler je viertelkreisförmig hat biegen und zum Kreis zusammenfügen lassen. Ragt nämlich die nach Süden weisende Hälfte des Rings als horizontaler, konstant 35 cm hoher Streifen aus dem Erdboden heraus, so beschreibt der nördliche, zur Hügelkette gewandte Halbkreis eine achsensymmetrisch auf einen Meter ansteigende und wieder abfallende Kurve. Die umschlossene, völlig ebene Rasenfl äche hat Reineking mit Hilfe einer künstlichen Erdanschüttung bzw. -aushebung so "gekippt", daß sie exakt parallel zum Neigungswinkel der gekurvten Stahlwand von einem Meter Höhe bis auf 35 cm unter das natürliche Bodenniveau absinkt. Auch an den beiden Punkten, wo die Oberkante des Rings in die Horizontale abknickt, folgt die Neigung im Kreisinnern kontinuierlich dem vorgegebenen Gefälle. Längst hat das Gras die künstlichen Spuren des Landschaftseingriffs überwuchert, und wie selbstverständlich scheint sich die Natur in die neugeschaffene Situation einzufügen. Dort, wo die gekippte Erdscheibe ihren Tiefpunkt erreicht, offenbart ein Blick auf die Innenseite des horizontalen Halbkreises, daß dieser tief in den Erdboden hineinreicht – und zwar genauso weit, wie das umgekehrt anschließende Gegenstück daraus hervor steigt. So ergeben sich als Ausgangsformen des Bodenrings schließlich vier gleichgeschnittene Vierecke, die ihrerseits aus zwei kongruenten, diagonal zerteilten Rechtecken gewonnen wurden.

Rationalität, Logik und Kalkül prägen seit jeher Reinekings künstlerisches Denken und verleihen seinen Arbeiten innere Ordnung und Struktur. Dabei versteht der Künstler dieses allen Skulpturen immanente Regelwerk jedoch keinesfalls als Ziel, sondern als notwendiges Gerüst eines den jeweiligen berechenbaren Faktoren übergeordneten Bedeutungszusammenhangs. In "TAL-Tilt" entfaltet sich der eigentliche Sinn erst im subtilen Zusammenspiel der plastischen Konstruktion mit den natürlichen Gegebenheiten des Umraums. Das Wesen der Arbeit besteht aus ihrer unmittelbaren Affi nität zum Landschaftsraum, den sie aufnimmt und begleitet, akzentuiert, fortsetzt und formt. Landschaft und Skulptur bedingen einander, ohne voneinander abhängig zu sein; vielmehr reagieren sie aufeinander in einem subtilen, von dialektischen Tönen spannungsvoll belebten Zwiegespräch.

Sabine Schütz

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