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20.

Christoph Schäfer
*1964 in Essen
lebt in Hamburg



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Christoph Schäfer | Saloon La Realidad Filiale Hasselbach | 2008

Keramik , Stein, Stahl


"Es soll Menschen geben, die sich lieber in der Museumskantine aufhalten, als in der Ausstellungshalle selbst. Schließlich sitzt man sich hier gegenüber und kann sich unterhalten. Die autoritäre Sprecherposition des Werks wird vom dialogischen Austauschcharakter der Plattform abgelöst. Einer Kunst, der daran gelegen ist, in den Alltag hinein zu spielen und umfassende Situationen des Austauschs zu konstruieren, muss sich für die Räume der Gastronomie interessieren. Als disfunktionaler Picknickplatz tritt einem die Arbeit ›Saloon La Realidad‹ im Tal entgegen. Kreuz und quer scheinen die gekachelten Tische sich in der Landschaft zu verteilen. ... Die keramischen Tischoberflächen sind mit feinen, kobaltblauen Glasurmalereien versehen. In sechs Tischen dekliniert die Arbeit exemplarische Situationen der sich verändernden Lebensbedingungen im Postfordismus durch. Um die Begriffe: Partizipation, Selbstorganisation, Instrumentalisierung der Kunst, ... .

Der Tisch Kutel stellt das Melkkarussell des 1969 gegründeten Betriebs in Essen dar, ... einem Hof mit 2000 Kühen. Besucher konnten aus einer verglasten Galerie ... beim Melken zusehen. Das Melkkarussell steht für die an der Fließbandproduktion (Fordismus) orientierte Industrialisierung der Landwirtschaft. ... Durch die Mitte dieses Tisches bricht ein Baum hindurch - wird dieser in einigen Jahren den Tisch zerstören oder der Tisch den Baum auf die Dauer verenden lassen?

Wie alles Anfing besteht aus einem Brot, und einem Tisch, der offenbar beim Zerschneiden des Brots mitzerteilt wurde. Gegen eine Reduzierung des Lebens auf das Überleben gerichtet, funktioniert der Tisch nicht als Tisch und widersetzt sich jedweder Form von Instrumentalisierung. "Am Anfang jeder Wunschproduktion steht ein Nein." (Anne Querrien)

Im Zentrum von How do we get out of here? (Rise and Fall of the Creative Class) steht ein Selbstportrait des Künstlers als Kellner im Jena Paradies, dem inzwischen geschlossenen Café des Hamburger Kunstvereins. Als Mitte der Neunziger der Topos von der "Servicegesellschaft" die Runde machte, traten Künstler vermehrt als Dienstleister auf. Zwar wurde einem in mancher Eröffnungsrede erklärt, dass das Ausschenken von Tee eine künstlerische Handlung sei, doch die kritische Anmerkung, immaterielle Kunst dieser Art poetisiere nur den Status Quo, verhallte ungehört in den unendlich aufnahmefähigen Weiten des systemtheoretischen Denkens jener Tage. ...

Strike Bike ... der Tisch ist dem Widerstand jener Nordhausener ArbeiterInnen gewidmet, die sich der Abwicklung ihres Fahrradproduktionsbetriebs durch den texanischen private equity fund Lone Star mit einer monatelangen Dauerbetriebsversammlung widersetzten. Die gewerkschaftlich nicht organisierten ArbeiterInnen ... begannen mit der Produktion des Strike Bikes. ... Die Streikenden sicherten sich die Markenrechte an "Strike Bike" und gründeten im Rahmen einer Auffanggesellschaft ein kleines eigenes Unternehmen zur Produktion des "Strike Bike 2.0".

Life's a beach erzählt die Geschichte der Entdeckung der ölkrisenbedingt leerstehenden Swimmingpools durch kalifornische Rollbrettfahrer Mitte der siebziger Jahre, in deren Verlauf aus einem unschuldigen Sport eine umfassende Praxis der Aneignung, Zweckentfremdung und Neudefinition des privaten bzw. öffentlichen Raums wird. Destruktiv und Konstruktiv zugleich.

Über die Negation hinaus verweist auch der letzte Tisch: Parallelzeit (Die Welt verändern ohne die Macht zu Übernehmen). In dessen Mitte ist eine Digitaluhr gezeichnet. Drumrum wird eine Episode aus dem Kampf der Zapatist@s erzählt: nach langen Verhandlungen der Aufständischen mit der Regierung, verlangten Erstere eine sechsmonatige Pause, um die Ergebnisse in den Dörfern zu diskutieren. Die protestierende Regierung wies man darauf hin, dass man in einer anderen Zeit lebe als sie, worauf ein General auf die Quartzuhr eines Indios wies, die zeige doch genau dieselbe Zeit an wie seine. Auf den Hockern drumrum sind Masken gemalt und der Spruch "Hinter unseren Masken sind wir ihr"."

Christoph Schäfer

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