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36.

Fritz Schwegler
*1935 in Breech
gestorben 3. Juni 2014



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schwegler


Fritz Schwegler | Einige späte Bilder blieben in der Luft hängen und wurden nachgebaut (EN 6114) | 1990

220 / 104 / 30 cm
210 / 140 / 103 cm
Beton, Farbe

Oben im Wald löst sich der schmale Pfad ins Ungewisse auf. Das ist keine Stelle, zu der man sich hinbegibt, sondern eine, an der man sich plötzlich befindet. So zufällig, so unerwartet wie der fröhliche Posten, der dort zwischen den Bäumen Wache hält. Leichtfüßig steht er auf einem Bein, über dem sich – hutartig, pilzähnlich – eine Glockenform schließt. Gelbe und schwarze Streifen leuchten wie ein Signal, das sieht nach Baustelle oder Schilderhaus aus. Es zeigt an, daß hier mitten in der Wildnis ein Ort zu finden ist. Der Glockenfuß macht selbst den ersten Schritt hinein, und etwas weiter trifft man auf sein Gegenbild. Da, wo das Dickicht undurchdringlich wird, öffnet sich ein rötliches, bauchiges Gefäß. Ein helles Gesicht mit langer Nase lugt keck daraus hervor, oder ist es ein riesiger Entenkopf mit Schnabel? Dann hört der Weg auf; es bleibt nur Umkehr, vom Vasenkopf zurück zum Glockenhut. Dazwischen: Raum für leises Lachen.

schwegler


Auf den Kopf gestellt, wird eine Vase zum Hut. Ein Hut verbirgt, hält Zugluft ab, aber läßt sich auch lüften. Und nur wo sich etwas versteckt, ist etwas zu entdecken. Umgekehrt kann, was auftaucht, auch wieder verschwinden: der Kopf, der so vorwitzig seine Nase in den Wind hält, sucht vielleicht im nächsten Moment schon Zuflucht im Inneren der Vase. Erscheinen und Verbergen gehen Hand in Hand. Aber sind Aufbruch und Rückzug nicht zwei grundsätzliche Weisen, sich in der Welt zu bewegen? Dann manifestieren Glockenfuß und Vasenkopf – zwei leibhafte Metaphern dieser Befi ndlichkeiten – etwas sehr Menschliches. Nicht von ungefähr wirken die beiden Gestalten, die da so still und stumm im Wald stehen, merkwürdig lebendig. Und sind doch zugleich ganz dinghaft und solide aus Beton gegossen.

Da stehen sie: einfache, lebensgroße und handfeste Gegenstände, zum Greifen nah. Sie können nur nah sein, denn der Wald verstellt jede Sicht aus Entfernung. Die intime Örtlichkeit, die als Ort defi niert wird durch Hut und Vase, ähnelt selbst einem Gefäß. Ein Weg führt hinein, aber nicht hindurch. Und erst wenn man eintritt, erschließt sich die Situation – als Versteck. Das System der Öffnungen und Schließungen greift schließlich auf den Wald über; nur weil er verbirgt, kann er sich öffnen. Aber was er zeigt, sind Gefäße, die selbst etwas verbergen. So vervielfachen sich die Beziehungen zwischen den Arbeiten und dem Wald, die Nähe zu den Dingen enthält auch eine ihr eigene Ferne. Immer bleibt etwas unsichtbar, und auch wenn der Hut sich lüften könnte, so bleibt er doch geschlossen.

"Sachen, wo man ein biszchen lüften kann" ist ein Buch von Fritz Schwegler betitelt. Zwei seiner Zeichnungen aus dieser Sammlung – EN 7016 und EN 7211 – zeigen einen Vasenkopf und einen Glockenfuß. "Einige späte Bilder blieben in der Luft hängen und wurden nachgebaut" (EN 6114), heißt es im selben Band. Und eben das passierte, denn Erwin und Kim Wortelkamp wurden tätig und realisierten die beiden Zeichnungen. als plastische, lebensgroße Objekte im ›Tal‹. Sie waren es auch, die den Ort im Wald fanden, die mit Fritz Schwegler das Material wählten. Aus den Buch-Bildern wurden so Wald-Arbeiten und zugleich Unikate in Schweglers Gesamtwerk, einmalig in ihrer Größe.
Wie man eine Seite umblättert, kann man nun durch den Wald gehen und Zeichen finden: Sinngebilde, die ohne Text auskommen, aber eine heitere Überraschung für den Blick bereithalten. Das Sehen, das sich abschleift an nützlichen Alltagsdingen und festgeschriebenen Bedeutungen, stolpert förmlich über die beiden paradoxen Gebilde. Man kennt Hüte und Vasen, Köpfe und Füße, aber selten sieht man den Gegenstand, ohne sofort zu seiner Bedeutung überzugehen. Glockenfüße, Vasenköpfe dagegen entziehen sich der eindeutigen Benennung. Sie sind vielleicht nicht fremder als Alltagsdinge, aber in dieser Fremdheit offenkundiger. Indem sie sich verschließen, zeigen sie, daß das Verborgene zur Welt der Dinge, und das heißt schließlich: zur Welt des Menschen, gehört.

Huberta de la Chevallerie

 

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Eintrag: 03. Juni 2015

Zum Todestag von Fritz Schwegler am 3. Juni 2014


Vor einem Jahr verstarb Fritz Schwegler, dem auch wir ›im Tal‹ besonders nachtrauern, hat er uns doch zwei seiner so einzigartigen Werke hinterlassen.
Nicht nur für die hier teilnehmenden Künstler, sondern auch für die große Zahl derer, die bei ihm in Düsseldorf studiert haben, war Fritz Schwegler ein Künstler, der sich in allem von allen unterschied. Ein VOR-BILD. Seine Lehre war so offen und vielgestaltig wie sein Gesamtwerk, das insbesondere in seinen „Trafohäuschen“ beispielhaft überleben wird.

 

Einige späte Bilder blieben in der Luft hängen und wurden nachgebaut. (EN 6114)

„... als ich nämlich da im Tal, auf der Höhe, die goethischen Männlein so im Walde stehen sah und also mir gegenüber + das, was ich sein soll, da hat’s wohl angefangen, nach 20 Jahren Tafelbilder und Zeichnungen und Plänen wieder plastisch, skulptural, körperlich, handlich (handhaberisch), materialisch, gewichtig ... zu werden. Und seither sind nun schon über 200 neue .. genannt: Notwandlungsstücke entstanden, erst aus Wachs geformt, dann Bronzeguß und bemalt und mit EN – Nummer versehen und drollig genug: es ist auch Dein violettes Vasenkopfstück des Tales dabei, also das kleine Modell entstand nach der Ausführung der lebensgroßen Dinger. Das gibt’s sicherlich nicht allzu oft in der Kunstgeschichte und ich gönne Dir herzlich dann Dein Schmunzeln und gestehe eine Scham – aber die Lust war größer. ...“

Erwin Wortelkamp lernte Fritz Schwegler bei der documenta 5 kennen und lud ihn in das atelier nw 8 ein, (1969–1973) das Viele als konzeptionellen Vorläufer für die Anlage ›im Tal‹ betrachten.

„... in Kassel mich angelte und dann in Frankenthal in seiner Galerie ausstellte und als einer der ersten begriff, dass man die Effeschiaden ja auch tatsächlich selber ausführen könnte und seine Schüler einlud, ein solches zu tun. ...“
(Zitate: Brief vom 17.11.1991)

UMGANG MIT EFFESCHIADEN
ZEHNERSCHAFTEN – Vortrag mit Moritafeln und Gesang – von ihm selbst
Am Sa. 3.3.73 20 Uhr

In der Einladung schrieb Fritz Schwegler:
„... so, dass man es sieht, auch weitermachen, in Wort und Bild, mit Rat und Tat. Denn was hülfe es, wenn wir etwas Gutes wissen und üben es nicht aus und teilen es nicht mit? Da würde natürlich nichts besser werden in uns, mit uns, um uns, aber auf solches darf man nicht verzichten, sonst Gutnacht Freiheit.
Jeder kann doch also etwas machen! Und daß man damit anfange und es nicht vergißt, gibts eben die EFFESCHIADEN jetzt.
Jedermann ist herzlich eingeladen MIT ZU TATEN in Effesch.“

„SCHWEGLER macht keine concept-kunst, macht keine comics, singt keine mittelalterlichen gesänge, bringt keine südamerikanischen noch indischen „melodien“ zum ausdruck. doch erinnern mich seine arbeiten an genanntes.
Schweglers Arbeiten zeigen texte und bilder. das heißt nicht, texte zu bildern und umgekehrt. trotzdem stehen sie nicht für sich. wie bei vielem suchen wir nach vergleichen oder es fallen uns, im kunstmarktdenken geübt, gleich namen ein, namen, die nennwerte sind.
die texte haben was von aphorismen, reißen an, stoßen an. erschließen sie auch?
die bilder sind keine, sie wollen keine sein, sie sind skizzen an denen oft was dran steht. bezeichnungen, die eine gelbe nase zum beispiel hell nennen, etwas was rot erscheint, als schwarz aufzeigt. alles wirkt zunächst einmal komisch, sieht man ihn dazu und hört man ihn auch noch, dann weiß man nicht, soll man lachen oder wie ernst ist es ihm. es ist alles so dazwischen, doch gehört alles dazu.
also: text-bild-er, SCHWEGLER, sein weiß/hemd/anzug für den auftritt, die bimmel, die alles jeweils rituell eröffnet. witzig, lustig, solange man am äußerlichen bleibt, ernst, wenn das, was zwischen den zeilen zwischen dem gesehenen, dem gespielten sich in seiner ironie und satire als ernst erweist.
ein AHA und dann? und dann wird’s wieder lustig. ist das nicht komisch? es ist auch wie die im spaß gesagte wahrheit.

(erwin wortelkamp, oktober 1973 aus „atelier nw8 1969-73, international artist’s cooperation“)

Die damaligen Gedanken kommen, auch nach vier Jahrzehnten, den Eigengesetzlichkeiten des so besonderen Künstlers nahe. Sie sind in der Kunst die jeweiligen Annäherungswerte an die Werk-immanente Wahrheit. Gäbe es ein adäquateres Behältnis als die Nutzung der Trafohäuschen um uns alle in den Prozess der vielgestaltigen Transformierungen hineinzunehmen? Nein.
Hildegard Schöneck wird auch in Zukunft ihr waches Auge auf das Werk Fritz Schweglers richten, so wie sie in all den Jahren darauf geachtet hat, dass seine vielstimmige Kunst in uns weiterwirken kann.

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