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37.

Oliver Siebeck
*1961 in Wanne-Eikel
lebt in Berlin



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Oliver Siebeck | Fiktionen 3 – Orte | 2003

Verbundglas, Folie 200 / 90 / 1,3 cm Schallwandler, Soundanlage

Die Wunde
Eine Reflexion nach Fiktionen 3 – Orte von Oliver Siebeck

Arkadien und der Blitz – Das Glas leuchtet rot und vertikal zwischen den Bäumen (es ist Sommer im Tal und das Grün strahlt überall aus) Auf der Oberfläche der Scheibe bilden sich Wald, Himmel, Wolken und dein Gesicht ab. Du hast dich genähert und plötzlich hörst du etwas – wie von diesem roten Blitz getroffen – als ob ein Bach oder der Wind aus der Scheibe zu dir käme. Du lauschst und nimmst wahr, daß Stimmen mitten im Wald sprechen, aber woher kommen sie, worüber reden sie, für wen und deshalb?
Eine leichte Brise weht und die Blätter rauschen, so wie die Stimmen aus der gläsernen Oberfläche des Blitzes rauschen, während Du sitzt: deinem eigenen Abbild gegenüber, dem Himmel und dem Grün inmitten des Roten. Eine Stimme (sie ist weiblich) sagt "ich komme aus Argentinien, aus dem kalten Süden" eine andere (jetzt ist sie männlich) "ich bin in London geboren und habe einen britischen Paß", und noch eine andere weibliche und eine andere männliche "über das Sein" ? sie sprechen, kommen aus dem Roten und verschwinden ins Grüne des Sommers, hier im Tal.
Die Stimmen sprechen Deutsch mit Akzent; wenn man sich die Zeit nimmt ihnen zuzuhören, merkt man allmählich, daß sie über Heimat und Identität reden und über den Weg "der jeden von ihnen nach Berlin führte". Die Stimmen sprechen aus dem Nichts, man kann einige Sätze verstehen, aber dann werden sie Rauschen, Blätter, Wasser, Nichts. Warum sprechen sie hier? Sie verwirren dich und erwecken in dir Bilder vom Fremd-Sein, von den Jahren des Herumirrens, vom Reisen, von den Welten, die draußen existieren, von allen diesen Welten, die hier im Tal keinen Platz fi nden, weil du – hier – mitten in Arkadien bist.

Arkadien oder die verschlossene Welt – Arkadien war im Altertum ein Hinterland; Heimat von Pan, Sohn des Hermes und der Kallisto. Es stellt das Bild idyllischen Lebens dar, voller Harmonie und Ruhe. In der europäischen Tradition wurde dieses Bild der Inbegriff einer in die Ferne gerückten, utopischen (und glücklichen) Weltordnung. Der Atem Vergils und Titus Livius? wehte in allen Ausdrucksformen der Garten- oder Landschaftsarchitektur der europäischen Tradition; von Heron aus Alexandria, um 100 v. Chr. über die barocke Parkanlage von Versaille bis zu Herrenhausen bei Hannover und in der Gegenbewegung, dem Englischen Garten.
Das Ideal, ein geordnetes und friedliches System zu schaffen, einen "Ort (Garten) ungetrübten Glücks", was das griechische Wort iranischen Ursprungs Paradeisos ausdrückt, erklärt jeden Versuch einen Ort zu gestalten, daß er Sinnbild dieser Harmonie wird.
Benennt dieses bukolische Bild Arkadiens – eines irdischen Paradieses, nicht gleichzeitig den Ort, wo wir vergessen können, daß ein, das Draußen existiert? Wuchs nicht der Mythos Arkadiens im Geist der alten Griechen aus Angst vor dem leerem Raum, dem Chaos, der ungeordneten Masse? Ist dieses Arkadien nicht ein Fortdenken des Kosmos, der Ordnung. Nur welche Ordnung heute? Mit den Wörtern von Michel Serres, ist nicht ein Ort "der nur den Raum kennt, eine tote Welt"? Eine Welt, wo das Fließende, das Gewebe, das Flüchtige keinen Platz fi ndet. Und so bist du hier im Tal, in einer Landschaft von arkadischer Schönheit, die aus der Genauigkeit der Geometrie rührt, du lauschst , wie vom Blitz getroffen, diesen Stimmen, die kommen und gehen, die dich fl üchtig widerspiegeln, da du von da draußen kommst, aus dem freien Himmel, de la intemperie.

Arkadien und die Welt da Draußen – In der Arbeit Fiktionen 3 – Orte, benutzt Oliver Siebeck als Resonanzkörper eine 2 Meter hohe rote Glasscheibe, die aus der Erde ragt. Oliver Siebeck hat Gespräche mit Cuini Amelio Ortiz (geboren und aufgewachsen in Argentinien), Yingli Ma (geboren und aufgewachsen in China), Akinbode Akinbiyi (geboren in England und aufgewachsen in Nigeria) und Michael Lüthy (geboren und aufgewachsen in der Schweiz) geführt und aufgezeichnet. Sie alle leben in Berlin und mit Oliver Siebeck sprachen sie über Identität, Heimat, Fremd-Sein und über die Sprache als Ort und Spiegel.
Mit diesem Material hat Oliver Siebeck eine Komposition geschaffen, die die rote Glasscheibe überträgt und die ein Bewegungsmelder startet. Oliver Siebeck benutzt Glas, ein hartes und zugleich zerbrechliches Material. Glas verbindet Außen und Innen und spiegelt gleichzeitig wider, ohne jedoch Spiegel zu sein.
Aber hier, im Wald, wo ist das Außen und wo das Innen? Diese Scheibe besteht aus zwei dünnen Gläsern; zwischen beide wurden zwei rote und eine weiße Folie geklebt, so daß das Glas rot und opak wirkt. Das Glas ist nicht mehr durchsichtig, es bekommt ein Inneres, die Scheibe – trotz ihrer nur 1,2 cm Tiefe – wird Körper, ein roter, gläserner Körper. Aber ein Körper hier im Wald? Ein Körper, der keine Skulptur ist, der kein Objekt im herkömmlichen Sinne ist und sich – deswegen – von vielen Arbeiten im Tal unterscheidet. Die Maße dieses Körpers sind nicht überwältigend (knapp 2 Meter hoch) und die Glasscheibe wirkt anmutig leicht und trotz ihres Rots, fast schutzlos. An beide Seiten dieses Körpers, vorne und hinten, sind auf 90 cm Höhe zwei Schallwandler symmetrisch angebaut. Sie wirken wie ein Organ, ein Auge, ein Ohr oder ist es das Innere?, ein geöffneter Mund? Glas ist hart, zerbrechlich, Glas kann farbig wirken und Stimmen übertragen, Glas kann wie der Spiegel, für einen kurzen Augenblick die Welt in sich einfangen; Glas kann aber auch verletzen, Glas ist dann Kante und Messer, Schärfe und Lanze, Grenze und Wunde.

Und plötzlich – wieder der Blitz – Du weißt es, durch diese rote Scheibe kommt die Welt da draußen hierher, die Welt der nicht Deutschsprechenden (der barbaroi), die Welten, die da draußen wie ein Ozean sich ausdehnen, fl ießen und fl uten und strömen in die geschlossene Welt dieses Arkadien.
Sie öffnen sie, sie bringen das Flüchtige, das Unerhörte mit hinein, sie fl ießen und öffnen eine Wunde. Mitten im Wald auf dieser gläsernen roten Scheibe treffen sie sich, Orte und Zeiten, für einen Augenblick, für den Augenblick, an dem du dich angenähert hast. Du lauschst und die Welt da draußen fl ießt und da diese Flut eine wasserlose ist, dieser Strom nur für das Ohr gedacht ist, mußt du die Augen schließen, um dich vor all diesem Rot zu retten, einem Rot, das du eigentlich selbst bist, Körper und Blut, Strom aus Welten und Ländern und Sprachen ?

Im November 2005 wurde die Arbeit Fiktionen 3 – Orte zerstört. Die Öffnung in Arkadien bleibt wie ein mitten im Gespräch unterbrochener Satz. Im Text gibt es kein Du mehr.

Celia Caturelli

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