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19.

Claudia Terstappen
*1959 in Arnsberg
lebt in Barcelona (E) und Menden



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terstappen


Claudia Terstappen | Lehrpfad | 1997

Schrifttafel | 30 / 40 cm
Ständer | 97–108 / 30 / 40 cm
Eisen verzinkt, schwarz lackiert, Folie, Glas

Aberglaube ist in unseren Breitengraden ein Phänomen besonders der ländlichen Regionen. So scheint der Glaube an Götter und Dämonen, an freundliche Geister und unheilvolle Zeichen hier mehr zu Hause zu sein als anderswo in unserer auf- und abgeklärten Zivilisation. Auf dem Land trifft man mitunter immer noch die hartnäckig überlebenden Geschichten und Verhaltensregeln, deren Ursprünge häufi g kaum mehr nachvollziehbar sind, deren Konsequenzen aber durchaus eine Rolle im täglichen Leben spielen können. In einer wissenschaftsgläubigen Zeit wie der unsrigen, einer Epoche, in der die Menschen sich in ihrem Denken und Tun der Technik und den Naturwissenschaften verschrieben haben, faszinieren archaische Glaubensbekenntnisse, Mythen und uralte Geschichten umso mehr – halbwahr vielleicht, aber immer mit einem Hintergrund.
Dem Prozeß der Säkularisierung, den Max Weber als "Entzauberung der Welt" so treffend beschrieben hat, entspricht das Verschwinden magischer und mythologischer Welterklärung. Und je mehr die Entwicklung des modernen Rationalismus voranschreitet, so seine Diagnose, desto stärker schreitet auch die Entmystifizierung der Welt voran. Glaube und Aberglaube, immer schon eng verwandt, bleiben dabei auf der Strecke. Unsere verstädterte, technologische Welt hat die Wissenschaft zu ihrer geistigen Autorität erklärt. Um so mehr gilt es, und dafür auch streitet die Kunst, diese Abhängigkeit bewußt zu machen. So ist vielleicht auch zu bedenken, daß das, was einst als fundierte Erkenntnis galt, heute widerlegt und der Lächerlichkeit preisgegeben ist – und dies könnte womöglich auch einmal für manchen heutigen Forschungsgegenstand gelten.

Charakteristisch für den Landschaftsgarten ›im Tal‹ ist das selbstverständliche und doch spannungsvolle Nebeneinander von Kulturlandschaft und landwirtschaftlicher Nutzfl äche. Und so fl aniert man nicht an den Objekten entlang, sondern erwandert sie am besten in festem Schuhwerk. Vielleicht wird man Befremden verspüren, daß Kühe und Pferde zwischen den Kunstwerken weiden, daß überhaupt hier keine scharfe Trennung zwischen Nutz- und Kunstlandschaft erkennbar ist. Doch das ist Programm. Zu denjenigen KünstlerInnen, die sich nicht nur mit der Natur-Landschaft, sondern auch mit dem – in weitestem Sinne – sozialen und historischen Ort befassen, gehört Claudia Terstappen. Zäune und Trampelpfade weisen den Weg, und ganz am Ende des Landschaftsgartens, wo die Höfe der Bauern, die Straße, das nächste Dorf beginnen, dort trifft man auf ihre Arbeit: dreizehn am Wegrand aufgestellte Schrifttafeln.
Dort nämlich, wo die Landschaft des ›Tal?s‹ sich öffnet, wo es nach oben auf die Wiesen geht, wo die Verschmelzung mit der landwirtschaftlich geprägten Umgebung am offensichtlichsten ist, der Alltag präsent bleibt, dort befi ndet sich der "Lehrpfad". Ein Werk, das sich, gerade im Vergleich mit den anderen Kunstwerken im Tal, den meist ernsten Arbeiten, als offen und leichtfüßig vorstellt. Die landschaftliche Öffnung und die strukturelle Offenheit des Konzepts entsprechen und ergänzen einander wie selbstverständlich. Seine Mehrdeutigkeit und sein Humor aber erschließen sich erst allmählich; und die Nähe zur bäuerlichen Umgebung bleibt ein wichtiger Aspekt für das Verständnis des Werkes.

Fast unscheinbar stehen die kleinen, scheinbar wahllos verstreuten Tafeln am Wegesrand: der "Lehrpfad" ist kein didaktischer Hammerschlag, auch wenn die Erinnerung an zoologische Gärten, an naturkundliche Wanderwege mit ihrer manchmal allzu penetranten Erklärungswut intendiert ist.
Von weitem betrachtet, mag man die Assoziation banal fi nden, doch gerade der naturkundliche Charakter und der quasi-wissenschaftliche Anspruch der Tierbeschreibungen ist es, der diese Arbeit auch subversiv wirksam macht. Ist wirklich alles an den Beschreibungen Terstappens barer Unsinn und bloß ausgedacht? Oder gibt es vielleicht doch gute Gründe, nicht alles gleich abzuqualifi zieren? Warum legt meine Mutter bei jedem Waldspaziergang ihr Taschentuch auf den Ameisenhaufen, um es auf dem Rückweg wieder einzusammeln? Weil es gut riecht? Weil die Ameisendüfte gut gegen Rheuma sein sollen? Es gäbe wohl eine ganze Reihe solcher Fragen? Und irgendwann vielleicht beginnt man selbst, sich verstohlen umzusehen und diese Tiere mit den seltsamen Eigenschaften zu suchen ?
Es kann dem lesenden Wanderer tatsächlich klar werden, daß die Naivität, daß Aberglaube und Magie nicht nur aus historischer Distanz zu betrachtende Bestandteile unserer Kultur sind, sondern daß jeder selbst einen – wie sehr auch verschütteten – Rest dieser magischen Welt in sich trägt. Es gab eine Zeit in der jeder Dinge wie diese geglaubt hat.
Listig führt Claudia Terstappen mit ihren pseudowissenschaftlichen Beschreibungen den Betrachter an die Grenze des Glaubwürdigen, meist sogar schießt sie spielerisch und humorvoll darüber hinaus. Zweifel sollte man haben. Nicht so sehr an den beschriebenen, oftmals absurden, manchmal beängstigenden Wesenseigenschaften der Tiere, als vielmehr an der eigenen Wissenschaftsgläubigkeit. Für viele Menschen stellt die Schrift immer noch eine Autorität dar, und erst recht in Form einer naturwissenschaftlich fundiert daherkommenden Aussage. Auch die Sicherheit des Glaubens und die Hoffnungen und Ängste des Aberglaubens sind unverzichtbare Bestandteile eines lebendigen Lebens. Das Leben nämlich, und das ist eine der wunderbaren Botschaften von Kunst, ist durchaus nicht immer erklärbar.

Katja Brandt


Ameise (formica)

Familie: Formicideae;
Ordnung: Stechimmen, ca. 60000 Arten, bis 6 cm
Art und Wesen: Ameisen entstehen aus Feuchtigkeit, welche die Gewürze hervorbringen. Man unterscheidet zwischen drei Arten: 1. Einsame Ameisen; 2. Mehrere Ameisen; 3. Ameisenhaufen. Es gibt sie überall und sie sind mitunter sehr lästig. Ihre Intelligenz ist ebenso bemerkenswert, wie ihr Geruchs- und Tastsinn, jedoch hören sie sehr schlecht. Deswegen vertreibt man sie am besten durch den Klang von lauten Glocken. Ihr Geruch stärkt aber das Gedächtnis.

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